Heute ist Windows 8 nach langer Zeit endlich offiziell veröffentlicht worden. und einige werden sich bestimmt fragen, ob das System ein Upgrade von Windows 7 wert ist. Auch ich habe mich das gefragt und bin nun seit einer Woche dabei, mir diese Frage selbst zu beantworten. Durch meine Berufsschule habe ich nämlich einen DreamSpark Premium-Konto (ehemals MSDNAA) und somit bereits seit einigen Wochen Zugriff auf das fertige Windows 8. Letzten Sonntag erfolgte dann die Installation und an dieser Stelle folgen meine Eindrücke zum neuen Betriebssystem. Diese beziehen sich hauptsächlich darauf, wie ich Windows 8 auf einem Desktop-PC erlebe. Wie Windows 8 auf einem Desktop-PC ist, werden sich sicherlich einige fragen.
Die Installation: Easy und superschnell
Die Installation von Windows 8 war einfach und schnell gemacht. Ich habe dafür einfach über die Utility “Windows 7 USB/DVD Download Tool” einen bootfähigen USB-Stick aus der Image-Datei erstellt (achtet darauf, dass der USB-Stick mindestens über vier GB Speicher verfügt). Bootet man beim Hochfahren über den Stick (für gewöhnlich kann man das beim Hochfahren über F8 auswählen – Danke @Wishu_Kaiser!), landet man direkt in der Windows 8-Installation. Dort begrüßt einen das gleiche Menü, wie man es von Windows 7 bereits kennt. Partitionen erstellen, formatieren, löschen etc. – wie gehabt. Ich hätte mir dort übrigens, der Konsistenz wegen, einen stärkeren Einschlag der Modern UI gewünscht, aber dazu später mehr.
Nach der eigentlichen Installation kann man dann noch ein paar Konfigurationen vornehmen. Unter anderem lässt sich da die Farbe einstellen, SmartFilter und Do Not Track (de-)aktivieren und viele weitere Dinge. Während das dann alles eingerichtet wird, bekommt man noch ein kleines Tutorial zu sehen, dass einige neue Funktionen der Modern UI erklärt, was Einsteigern und Umsteigern gleichermaßen helfen dürfte. Anschließend landet man dann direkt in der Modern UI. Alles in allem hat das bei mir ca. 20 Minuten gedauert, was ich sehr beeindruckend finde.
Der erste Eindruck: Ich bin überwältigt
Ich muss sagen, dass ich echt ein ganzes Stück weit überwältigt war, als ich die neue Modern UI zum ersten Mal gesehen habe. Sich dort erstmal zurechtzufinden, dauert ein paar Minuten und auch die generelle Navigation mit den Tastaturkürzeln, Hot Corners etc. braucht ein bisschen Zeit, bis sie einigermaßen sitzt. Das aber geht verhältnismäßig schnell, sodass die Lernkurve nicht wirklich hoch ist.
Was man unverweigerlich sofort macht, ist mit dem System zu experimentieren. Einfach ausprobieren, welche Aktion was bewirkt, was sich hinter diesem und jenem Button versteckt. Microsoft hat es verstanden, die Expiditionsfreudigkeit des Nutzers anzusprechen. Man fühlt sich nicht wirklich alleine im dichten Modern-Dschungel, sondern probiert einfach aus. Dadurch hat man die neuen Gegebenheiten dann natürlich auch schneller im Kopf und kann sich bereits nach wenigen Minuten gekonnt durch die Navigation und Menüs schlängeln und weiß, dass die so oft prophezeite Angst der Nutzerschaft vor dem großen bösen Neuen zwar doch recht groß, dafür aber umso weniger angsteinflößend ist – ganz im Gegenteil. Und dann fängt die Bedienung der Modern UI auch direkt an Spaß zu machen. Dass direkt in den ersten Minuten zu vermitteln, ist wichtig, denn der erste Eindruck ist ja bekanntlich der Wichtigste.
Die Optik: Knackig und schön und flach
Einen großen Teil an diesem sich schnell einstellenden Spaß macht auch die Optik aus. Es ist frisch, es ist für ein Desktop-OS ungewohnt und es ist innovativ. Die Grafiken in der Modern UI sind wunderschön und scharf, die flache Optik wirkt modern und gefällt. Durch die Live-Tiles wirkt das Ganze auch immens lebendig. Microsoft will eindeutig, dass Windows mehr “Erleben” wird, mehr Spaß machen und nicht trist statisch bleiben soll. Das macht einen gehörigen Eindruck. Noch dazu sehen die Apps klasse aus. Großzügig eingesetzter Whitespace und kluge Aufbauten der Apps geben ihnen Luft und lassen sie auch übersichtlicher wirken. Paradebeispiele dafür sind zum Einen die Email-App, als auch die News-App. Vor allem letztere Anwendudung sieht durch das tolle Schriftbild mit dem angesprochen großzügigen Whitespace schlicht großartig aus. Es wirkt tatsächlich, als ob man ein Print-Magazin in der Hand halten würde – ganz großes Kino!
Die Performance: Spitzenklasse
Genauso zackig fällt auch die Bedienung der Modern Ui aus. Die Animationen sind absolut flüssig und auch Scrolling und Übergangsanimationen sind wunderbar smooth und auf jeden Fall ein Eye-Candy.
Die Modern UI: Apps, Navigation und Benachrichtigungen
Die neue Modern UI war seit jeher ein kontrovers diskutiertes Thema. Die dazugehörigen Apps laufen standardmäßig im Fullscreen-Modus, bei Bedarf kann man auch eine zweite App in einem kleineren Seitenfenster auf der linken oder rechten Seite andocken. Mehrfachauswahlen geschehen über Rechtsklicke, wodurch auch die Kontextmenüs aktiviert werden. Fährt man in die rechte obere oder untere Ecke und bewegt die Maus nach unten bzw. oben, bekommt man dann die sogenannte “Charms Bar” zu sehen, über die man z.B. in die Einstellungen der jeweiligen App kommt. Um zwischen Apps zu wechseln, fährt man mit der Maus in die linke obere oder untere Ecke. Per anschließendem Linksklick wechselt man zur vorigen App, fährt man mit der Maus stattdessen nach oben, bekommt man eine Liste der zuletzt geöffneten Apps zu sehen. Per Drag & Drop kann man aus diesem Fenster heraus auch eine App an der Seite andocken. Um Apps zu beenden wird eine App am oberen Bildschirmrand angeklickt und nach unten gezogen.
Trotzdem: Gerade auf größeren Bildschirmen (ich arbeite an einem 24”- und einem 23,6”-Monitor) merkt man, dass die Modern-Apps eher auf Displaygrößen zugeschnitten sind, die man in der Tablet- und Notebook-Region vorfindet. Auf den großen Displays der Desktop-PCs ist es dann offensichtlich, dass da einfach Platz verschwendet wird. Da hilft dann auch nicht die Möglichkeit, eine zweite App an die Seite zu docken. Es felt dort einfach ein echter Window-Manager, mit dem sich die Apps frei auf dem Bildschirm platzieren lassen. Darüber hinaus ist die Unterstützung mehrer Monitore in der Modern UI nicht zu Ende gedacht. Es kann nämlich immer nur ein Monitor Modern-Apps darstellen, der jeweils Andere zeigt dann den Desktop-Modus. Das ist nervig und würde bereits einige Probleme hinsichtlich des Fenster-Managements lösen.
Ebenfalls sehr gelungen ist die Foto-App. Die große Darstellung der Fotos gefällt und das Wühlen durch die Fotos macht Spaß. Wer es übersichtlicher mag, der kann auch einfach herauszoomen und erhält so eine Übersicht über die Fotos. Auch die Nachrichten-App ist eine sinnvolle Implementation, da man nicht nur mit Windows Live-Kontakten, sondern auch mit Facebook-Freunden kommunizieren kann, was erstens sehr viel angenehmer ist, als die Weboberfläche von Facebook und zum Anderen für viele auch die Installation eines gesonderten Messengers (beispielsweise IM+) erübrigt.
Microsoft hat mit Windows 8 endlich auch ein echtes und natives Benachrichtigungssystem eingeführt – etwas, das man bei konkurrierenden Betriebssystemen, wie Mac OS X und Ubuntu-Linux in verschiedenen Formen schon seit Jahren vorfindet. Bei eingehenden Benachrichtigungen ploppen am rechten oberen Bildschirmrand entsprechende Einblendungen auf, die nach kurzer Zeit wieder verschwinden und darüber hinaus eine konsistente Optik bieten und sich deswegen schön in das Gesamtbild einfügen. Auch im Lockscreen sind die Benachrichtigungen zugänglich. Dort können dann bis zu sieben Apps festgelegt werden, deren Benachrichtigungen auf dem Lockscreen angezeigt werden und auch das Festlegen einer Lockscreen-App für das Anzeigen detailierter Informationen ist möglich. So lassen sich Daten, wie Uhrzeit, Kalendereinträge, Akkustand und Email-Counter problemlos auf dem Lockscreen anzeigen. Was vor allem beim Desktop-PC weniger wichtig ist, da man den Lockscreen dort nicht allzu häufig sehen wird, stellt sich vor allem beim Tablet durch die Anpassungsmöglichkeiten als großer Vorteil heraus.
Der Desktop-Modus: Nur noch eine (verbesserte) App
Wie bereits angesprochen wurde auch der klassische Desktop überarbeitet und ist nicht nur ein einfacher Port des Windows 7-Desktops – auch, wenn der Desktop auf Windows 7 basiert. Der Windows Explorer, der nun “File Explorer” heißt, wurde z.B. um ein Ribbon-Menü erweitert. Das nimmt zwar einiges an Platz ein, lässt sich aber einklappen und vereinfacht den Zugang zu vielen Optionen, die zuvor in exzessiven Menüs versteckt waren.
Die wohl größte bzw. kontroverseste Neuerung im Desktop ist die Entfernung eines extrem langlebigen Features: Dem klassischen Startmenü. An dessen Stelle agiert nun das Startmenü der Modern UI, das man entweder über die Windows-Taste, oder per Mausgeste in die linke untere Ecke mit anschließendem Linksklick aufruft. Das artete damals in einem heftigen Shitstorm aus und Utilities, die das klassische Menü wieder aktivierten (da der dazugehörige Code noch immer existiert) sprossen nur so aus dem Boden. Nüchtern betrachtet war dieser Shitstorm völliger Unsinn, denn prinzipiell bietet das neue Startmenü die gleiche Funktionalität mit der Echtzeitsuche und dem Anpinnen von Apps.
Weitere Neuerungen umfassen unter anderem Storage Spaces, bei denen mehrere physikalische Laufwerke zu einem Virtuellen zusammengefasst werden können, welches sich unter Windows wie ein ganz normales Laufwerk bedienen lässt. Die File History-Funktion sichert vorher festgelegte Dateien und Ordner auf Versionierungs-Basis auf ein externes Laufwerk, sodass dort alle Versionen einer Datei (z.B. ein Dokument, dass alle paar Tage bearbeitet wird) vorzufinden sind. Außerdem wurde auch eine erweiterte Wiederherstellung eingebaut, mit der sich das komplette System auf den Werkszustand zurücksetzen lässt. Alle installierten Apps und Einstellungen werden entfernt und zurückgesetzt, sodass man quasi ein frisch installiertes System vorfindet. Die Zeiten der halbjährlichen Neuinstallationen sind also spätestens jetzt endgültig vorbei.
Die Frage nach der Produktivität
Für die Zukunft ist es ein offenes Geheimnis, dass Microsoft den Desktop-Modus komplett abschaffen möchte. Bis dahin müssen noch einige Dinge an der Modern UI verbessert werden, ansonsten könnte ich mir produktives Arbeiten auch nicht vorstellen. Aber das ist eben die Zukunft und heute können wir über das Startmenü immer noch auf den Desktop zugreifen – das vergessen wohl viele, oder sie wollen es vergessen. Das muss man einfach nüchtern betrachten.
Mein Fazit: Mängel, Inkonsistenzen, aber trotzdem toll
Windows 8 ist, trotz der Mängel, die es derzeit hat, ein tolles Betriebssystem. Es ist hochperformant, macht Spaß, ist innovativ und kann mit vielen Funktionen überzeugen. Man muss Microsoft eindeutig dazu beglückwünschen, dass sie endlich etwas anderes versuchen und, dass der einstige schlafende Riese aufgewacht ist. Die Redmonder spüren eindeutig den Druck, der auf ihnen lastet: Im mobilen Bereich haben sie eindeutig Rückstand zur Konkurrenz von Apple und Google und im Bereich der Desktop-Betriebssysteme spürt man Mac OS X im Nacken. Microsoft konnte es sich nicht weiter leisten, einfach nur Update-Betriebssysteme zu veröffentlichen, die wenig innovativ sind.
Microsoft bewegt sich mit Windows 8 stark in Richtung des normalen Konsumenten, der einen Computer simpel bedienen möchte, das System auf einfache Art und Weise “erleben” möchte. Die News- und Foto-App sind jeweils die besten Beispiele für diese Herangehensweise an eine User Experience. Dazu aber gehören auch 3rd-Party-Apps, von denen es bislang noch, gemessen an der einfachen Zahl, zu wenige gibt. Microsoft muss alles daran liegen, Entwickler für das neue System und die Modern UI zu begeistern, damit diese ihre Apps entwickeln und im Windows Store veröffentlichen. Ich für meinen Teil bin aber guter Dinge, dass das funktionieren wird.















